In den letzten Jahren ist eine Reihe von Untersuchungen zu Belastungen und arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren am Arbeitsplatz Schule veröffentlicht worden. Dies geschah nicht zuletzt vor dem Hintergrund einer auffällig hohen Zahl von krankheitsbedingten Frühpensionierungen bei Lehrern. Die Ergebnisse lassen sich dahingehend zusammenfassen, dass Lehrkräfte in besonderem Maß psychischen Belastungen ausgesetzt sind, als deren Folgen gesundheitliche Beeinträchtigungen wie psychische und psychosomatische Erkrankungen auftreten können.
Ein Arbeitskreis am Staatlichen Schulamt in Darmstadt befasst sich seit 2001 mit dem Thema „Schule und Gesundheit”. Durch diesen Arbeitskreis wurde eine Befragung initiiert. Die im Juni 2002 durchgeführte Befragung hatte zum Ziel, Argumente und Ansätze für konkrete Präventionsmaßnahmen zu erhalten. Von den insgesamt 204 Lehrkräften, die befragt wurden, sollte die Stärke der Belastungen am Arbeitsplatz Schule auf einer vierstufigen Skala eingeschätzt werden. Im Ergebnis zeigte sich, dass die Belastung durch Lärm den höchsten Durchschnittswert erreichte, gefolgt von der Belastung durch „schwierige” Schüler (Abbildung).

Abbildung: Beurteilung der persönlichen Belastungsfaktoren am Arbeitsplatz Schule
Vielfach durchgeführte Messungen weisen daraufhin, dass der Beurteilungspegel in Schulen im Allgemeinen unterhalb des Grenzwertes von 85 dB(A) zur Vermeidung von Lärmschwerhörigkeit liegt. Eher die Regel als die Ausnahme sind jedoch Durchschnittspegel von 65 bis 75 dB(A), die nach arbeitsmedizinischen Erkenntnissen, insbesondere bei mental anspruchsvollen Tätigkeiten, als Stressfaktoren wirken und beim Menschen physische und psychische Reaktionen hervorrufen.
Physische Reaktionen unterliegen dabei keiner willentlichen Steuerung. Bei Schallpegelwerten ab 65 dB(A) reagiert der Körper mit einer Erhöhung der Stresshormonwerte, einer Steigerung der Muskelspannung, einer Veränderung von Atem- und Herzrhythmus und einer Erhöhung des Blutdrucks. In der Folge werden Stressreaktionen ausgelöst, die langfristig das Risiko für Krankheiten erhöhen.
Psychische Reaktionen sind nicht nur von der Schallpegelhöhe abhängig, sondern auch von individuellen Faktoren wie der Einstellung zu der Schalldarbietung und von der Situation, in der sie auftritt. Der Lästigkeit von Schallereignissen kann eine größere Bedeutung zukommen als der objektiven Pegelhöhe. Als Beispiel sei der tropfende Wasserhahn oder das Radio aus dem Nachbarhaus erwähnt. Konzentration und Aufmerksamkeit, die Voraussetzung für Leistungsfähigkeit sind, können bereits unter geringem Lärmeinfluss beeinträchtigt werden. Ermüdung, Nervosität, Angst, Reizbarkeit und Schlafstörungen sind häufig die Folge.
Lärm behindert das Lernen und wirkt sich negativ auf die schulischen Leistungen der Schülerinnen und Schüler aus. Dies belegen Untersuchungen des Institutes zur Erforschung von Mensch-Umwelt-Beziehungen an der Universität Oldenburg (Klatte 2003). Durch ungünstige Hörbedingungen und Lärm werden sowohl die Informationsaufnahme (Wörter werden gar nicht oder falsch verstanden) als auch die anschließende Verarbeitung der gehörten Informationen gestört. Das Zuhören wird anstrengender und kostet mehr geistige Energie. Dies führt zur schnelleren Ermüdung und zu einer Reduzierung der Kapazitäten, die zur mentalen Verarbeitung des Gehörten zur Verfügung stehen. Diese Probleme betreffen verstärkt Grundschulkinder. Bei diesen ist der Spracherwerb noch nicht abgeschlossen. Ähnliches gilt für Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache oder solchen mit Aufmerksamkeitsdefiziten.
Der Einfluss verbesserter Sprachverständlichkeit auf die Leistungen von Grundschulkindern wurde von der Forschungsgruppe genauer untersucht. Bei einem einfachen Sprachverständlichkeitstest machten die Kinder sowohl unter den schlechten wie den guten Hörbedingungen kaum Fehler. Große Unterschiede zeigten sich dagegen bei komplexeren Testaufgaben, die nicht nur das Erkennen der Wörter, sondern auch das kurzzeitige Speichern und Verarbeiten der Informationen erforderten (im Schulunterricht die normale Anforderungssituation). Zur Beurteilung der akustischen Güte eines Unterrichtsraumes reicht es offensichtlich nicht aus, die hinten sitzenden Personen zu fragen, wie gut sie die Sprache verstehen.
Bei Aufgaben, die das sprachliche Kurzzeitgedächtnis erheblich beanspruchen, sollte daher besonders auf eine ruhige Lernumgebung geachtet werden (dies gilt natürlich auch für die Hausaufgaben). Hierzu gehören Lese- und Rechtschreibübungen im Anfangsunterricht, aber auch das verstehende Lesen schwieriger Texte durch geübte Leser, das Auswendiglernen, das Kopfrechnen und das Lernen von Vokabeln.
Reden, auch mal mit erhobener Stimme, Singen, aber auch Toben und Schreien in der Pause oder beim Sport gehören (in gewissen Grenzen) zum Schulalltag dazu. Zudem sind viele Klassenzimmer schlecht gedämmt, so dass zusätzlicher Lärm aus Nachbarräumen oder Fluren zu hören ist. Die üblichen Klassenstärken machen regelmäßige Lüftung erforderlich. Durch geöffnete oder schlecht isolierte Fenster dringt Straßenlärm oder Fluglärm in den Raum. Teppichböden wurden zwischenzeitlich fast überall durch andere Beläge ersetzt. Die nicht ausgetauschten Tische und Stühle, insbesondere solche mit Rohrgestellen, erweisen sich plötzlich als unerträgliche Lärmquellen. Schon in Grundschulklassen finden sich inzwischen Bildschirmlernplätze, deren Lüfter stundenlang rauschen. Zudem sorgt eine schlechte Raumakustik, zum Beispiel durch irrtümlich gestrichene Akustikdecken oder vollkommen fehlende akustische Maßnahmen, in vielen Klassenräumen für eine unnötige Vergrößerung des Lärms.
Die folgende Aufzählung listet – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – eine Reihe von Maßnahmen zur Lärmreduzierung auf, die sich in der Praxis bewährt haben. Sie beinhaltet sowohl bauliche, als auch organisatorische und pädagogische Empfehlungen: